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Auf Deutschkurs


Zu den antisemitischen Kontinuitäten deutscher Selbstbestimmung


- eine Textcollage -



(Die vier LeserInnen "Eins" bis "Vier" sitzen vom Publikum aus betrachtet von links nach rechts auf dem Podium. Auf einem Dia im Hintergrund sind die neun Kapitelüberschriften zu lesen, wobei die jeweils gerade gültige optisch hervorgehoben, etwa farbig unterlegt ist.)


1. Ein bisschen Theorie


EINS:    Vorweg ein paar Anmerkungen zu Begriffen und wie wir sie verwenden. Was ist eine Nation? Die Nationen entstanden als einheitliche Wirtschaftsräume im Zuge der Entwicklung zum modernen bürgerlichen Kapitalismus. Der Nationalismus, also das Propagieren der und das Denken in Nationen ist eine ureigenste Ideologie des Bürgertums, indem er eine wie auch immer geartete Gemeinsamkeit der Mitglieder einer Nation über alle ihre individuell, in Schichten oder Klassen bestehenden Unterschiede hinweg konstruiert. Welcher Art nun diese Gemeinsamkeit im konkreten Einzelfall ist, entscheidet sich ganz pragmatisch nach den vorgefundenen Bedingungen. Mal entsteht eine Nation in der gemeinsamen Abgrenzung gegen das ehemalige Mutterland (wie in den USA), mal als Bürgerrepublik gegen die ehemalige Aristokratie (wie in Frankreich). Solch eines gemeinsamen Feindes scheint sie stets zu bedürfen. Mal behauptet sie, eine gemeinsame Religion oder Kultur zu verkörpern, dann wieder gibt es welche, die sich auf die gemeinsame Sprache berufen. Für jedes einzelne Element der diversen Nationalismen lassen sich als Gegenbeispiele Nationen finden, in denen dieses Element keine Rolle spielt. Wäre eine gemeinsame Sprache Grundvoraussetzung für eine Nation, dann wäre uns die Erscheinung bspw. des Schweizer Nationalismus erspart geblieben. So ist es mit allen sogenannten "nationalen Wesenszügen". Es gibt also nicht den Nationalismus oder den typischen oder den richtigen oder den falschen.

   Die Gemeinsamkeit der Angehörigen einer Nation, über die bestehenden Unterschiede hinweg wird von der Ideologie zur manifesten Realität, indem Gruppen und Individuen in sie eingeschlossen werden. Sie haben dann in einer bestimmten Weise zu sein, werden für das Gemeinwohl eingespannt etc. Dieser Einschluss von Gruppen, die mit gemeinsamen Pflichten und Rechten ausgestattet werden, findet sich zwangsläufig, als Negation, in der entsprechenden Definition eines Ausschlusses wieder: Wer gehört nicht dazu? Nationen sind also Druck nach außerhalb der Grenzen und ! nach innen.

ZWEI:    Doch wie kommt es, dass solch eine "ureigenste Ideologie des Bürgertums" Anklang findet und angenommen wird weit über die Grenzen der bürgerlichen Schichten hinaus? Wie kommt es, dass behauptet wird, Nationen seien natürliche Gebilde, und überhistorisch schon immer da gewesen, und dass das so breit geglaubt wird? Das Konzept der Nation muss auf ein Bedürfnis der einzelnen in den breiten Schichten treffen, auf ein Interesse, sonst würde es nicht übernommen und als etwas quasi "natürliches" und ganz normales tief verinnerlicht werden. Dieses Bedürfnis scheint darin zu bestehen, dass das kleinste Würstchen wie auch der größte Depp mit dem Konzept der Nation etwas angeboten erhalten, aus dem sie Identität und Stärke ziehen können, in Form einer Kontinuität, die ihnen einen Bezug auf Macht und Größe erlaubt. Du bist zwar ein machtloses Rädchen, aber im Getriebe der Nation, die so gut ist wie die andern, nein, besser, erfüllst auch du eine historische Funktion. Dein trostloses Leben hat einen Sinn.

DREI:    Es ist aber nicht unproblematisch, wenn wir hier versuchen, uns in die Gefühlslage der armen Würstchen hinein zu versetzen, die für ihren seelischen Haushalt einer Nation bedürfen. Denn wenn der Wunsch, zu einer Nation zu gehören, sich praktisch äußert, tut er das in aller Regel, indem er gegen die tobt,  die zu dieser Nation nicht dazu gehören. Mit anderen Worten: Das arme Würstchen mag ein armes Würstchen sein. Ein Rassist ist aber jedenfalls ein Rassist. Goldhagens Ansatz, den Holocaust zu untersuchen ausgehend von der subjektiven Überzeugung und vom bewussten Willen der Vollstrecker, also: Ein Antisemit ist ein Antisemit - hat viel für sich. Wir sollten schon nach soziologischen oder auch psychoanalytischen Erklärungen dafür suchen, warum er es ist. Wenn das aber dann aussieht wie eine Identifikation mit den Tätern, wenn es dazu tendiert, sich mit ihnen gemein zu machen, sie zu entschuldigen und zu entlasten, Rechtfertigungsgründe zu suchen für die armen Würstchen, die auf angeblich noch niedriger stehenden Leuten herumtrampeln, sollten wir uns darauf verständigen, dass die Perspektive dieser letzteren, die einzig relevante ist. Das heißt dann: Ein Rassist ist ein Rassist. Ein Antisemit ist ein Antisemit!

VIER:    Einige Anmerkungen zum Antisemitismus. Die Grundlage des Antisemitismus ist eine soziale Konstruktion davon, was "der Jude" sein soll. Im Laufe der Zeit wechselten die Zuschreibungen und ihre Begründungen. Während bis zur Aufklärung der religiös begründete Antijudaismus die bestimmende Form war, vollzog sich im 19. Jahrhundert ein Wandel. Mit der Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaften und den Nationalstaaten entwickelte sich der moderne Antisemitismus. Später gelang es noch, die Prinzipien der Aufklärung, nämlich Wissenschaftlichkeit und Vernunft, auch auf die durch und durch irrationale Sphäre des Antisemitismus anzuwenden und mit der Rassenlehre einen als wissenschaftlich akzeptierten Unterbau zu schaffen.

   Der Übergang von traditionellem zu modernem Antisemitismus fand schrittweise und mit Überschneidungen statt. Der alte Antijudaismus existierte noch, nahm allerdings mehr und mehr die Züge des modernen Antisemitismus an. Selbst wo dieser sich noch gelegentlich primär religiös äußerte, bestand nun für die einzelnen Juden nicht mehr wie zuvor die Möglichkeit, sozusagen gleichberechtigt zu werden, oder wenigstens das Leben zu retten, indem sie ihre Religion ablegten und sich taufen ließen.

   1816 ging das noch... Da sagte ein Professor Rühs, Professor für Geschichte an der Uni Berlin:...



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