Home > Veranstaltungen > Das Bekenntnis zu Auschwitz

Das Bekenntnis zu Auschwitz

12. Januar 2009

Veranstaltung – Das Bekenntnis zu Auschwitz- von Jan Gerber 15.2. in Augsburg

Freitag, 15. Februar 2008, 19.30 Uhr, Zeughaus, Hollsaal A

Zu Beginn der neunziger Jahre musste man keiner linken Splittergruppe angehören, um vor
einer Entwicklung hin zu einem „Vierten Reich“ zu warnen. Angesichts brennender
Asylbewerberheime, applaudierender Normalbürger und untätig-affirmativer Polizisten sahen
sich auch konservative und liberale Beobachter in Frankreich, Großbritannien und den USA
an die Jahre um 1933 erinnert. Diejenigen, die die Erinnerung an die deutschen Verbrechen
wach halten wollten, stießen auf Abwehr, Aggression und Leugnung. Statt über Auschwitz,
Leningrad und Lidice wollten die Deutschen über die „Vertreibung“ der Sudetendeutschen
oder die alliierten Luftangriffe auf deutsche Städte sprechen.
Diese Zeit der klassischen Schuldabwehr und des offenen Schulterschlusses mit Neonazis ist
inzwischen vorbei. Die Neonazis sind nicht mehr, wie noch bei der Abschaffung des
Asylrechts 1992, Stichwortgeber der deutschen Politik; Deutschland hat sich nicht in ein
„Viertes Reich“ verwandelt: Anders als in den neunziger Jahren gibt es außerhalb der
ostdeutschen Abbruchgebiete kaum noch jemanden, der für die Menschenjagden der
Einheimischen oder akzeptierende Sozialarbeit mit Neonazis Verständnis aufbringt. Die
Bundesregierung rief im Nachgang des „Aufstands der Anständigen“ im Sommer 2000
millionenschwere Programme zur Bekämpfung des Rechtsextremismus ins Leben. Und
Neonaziaufmärsche rufen, wie aktuell in Augsburg, volksfrontartige Bündnisse – von der
Antifa über den DGB bis hin zur SPD – auf den Plan. Auch das Bekenntnis zur deutschen
Schuld, das lange Zeit von kritischen Antifaschisten eingefordert wurde, ist inzwischen
staatstragend geworden: Auschwitz, so erklärte Joschka Fischer vor einigen Jahren
exemplarisch, sei für die Berliner Republik so identitätsstiftend wie der Unabhängigkeitskrieg
für die Amerikaner oder die Revolution von 1789 für die Franzosen.
Warum sich hinter diesem Bekenntnis zu Auschwitz, das unter anderem für die Begründung
der deutschen Beteiligung an der Bombardierung Jugoslawiens herangezogen wurde,
trotzdem kaum etwas anderes als eine „neue Form der Auschwitzlüge“ verbirgt; welche
Bedürfnisse mit den Massenauftrieben gegen die Demonstrationen inzwischen vollkommen
marginalisierter Neonazigrüppchen bedient werden; und wie die Volksgemeinschaft in ihrem

scheinbaren Gegenteil – dem staatstragenden Antifaschismus – doch noch ihre Fortsetzung
findet, erläutert Jan Gerber.

Jan Gerber ist Politikwissenschaftler, Historiker und Medienwissenschaftler, Mitherausgeber
der Bücher „Trotz und wegen Auschwitz. Antisemitismus und nationale Identität nach 1945“
(Münster 2004), „Heinz Langerhans: Staatssubjekt Kapital. Texte zur Diskussion um
Faschismus, Krieg und Krise“ (Halle 2004) und „Rote Armee Fiktion“ (Freiburg 2007). Er
schreibt u.a. für die Zeitschriften Bahamas, Jungle World und Phase 2.

Veranstalter: Gruppe Contra Real, www.contra-real.tk

Kommentare sind geschlossen