Böser Bube ohne Ahnung

10. Juni 2012 Keine Kommentare

In der Jungle World, Nr. 23, vom 7.6. versucht sich die Wochenzeitung unter der Überschrift Böse Buben ohne Leiche an einem Artikel zur so genannten Rockerkriminalität.

Statt Hybrid-Terror: Null-Emissions-Fahrzeug

Statt Hybrid-Terror: Null-Emissions-Fahrzeug

Es ist sicherlich eine gute Idee, die aktuellen staatlichen Aktionen gegen Rockergruppen und die damit verbundene Berichterstattung in der bürgerlichen Presse zusammenzufassen und politisch einzuordnen. Nicht so gut allerdings ist es, einen derartigen Bericht von jemandem verfassen zu lassen, der weder Ahnung vom eigentlichen Gegenstand hat, noch sich offenbar die Mühe machte, einen Blick in die gescholtenen bürgerlichen Medien zu wagen. Vom Heranziehen einschlägiger Materialien, beispielsweise der Zeitschrift Bikers News, und eigener Recherche mal ganz abgesehen. Hätte sich Herr Malachowski doch wenigstens an einige Standards journalistischer Grundregeln gehalten: wenn er von einem “mutmaßlichen Mord” schreibt, so hätte das Attribut “mutmaßlich” auch bei seiner Unterstellung, das Opfer, Tekin Bicer, sei “Drogenhändler”, nicht geschadet. Die Aussage zu dem Fall stammt nicht, wie Malachowski schreibt, von einem ehemaligen Hells Angel, sondern von dem ehemaligen Präsidenten der Legion 81, Kiel, einem mittlerweile verbotenen Supporters-Club der Hells Angels. Das ist, auch wenn der Autor das wohl nicht durchdringt, ein Unterschied. Völlig blödsinnig gerät dann die Aufzählung der Gruppierungen, die unter einem angeblich “hysterischen” medialen und politischen Diskurs leiden. Was soll dort die Erwähnung der Mongols? Weil die in der Szene wichtiger sind als beispielsweise der immer noch größte deutsche Club, MC Gremium? Herrje! Und: die “Nomads” sind keine eigene Rockergruppe, sondern die Bezeichnung für nicht ortsgebundene Chapter respektive Charter. Das hätte MM in Wikipedia nachschlagen können.
An sich könnte man solcherlei Fehler vernachlässigen, wäre nicht der gesamte Tenor des Artikels und auch die angebotenen Schlussfolgerungen von ähnlich zweifelhafter Qualität. Die Berichterstattung der bürgerlichen Presse ist natürlich von Übertreibungen und Ahnungslosigkeit geprägt, aber insgesamt durchaus ambivalent. Neben teils grotesken Märchen über die gewaltbereite Rockerszene gibt es doch immer wieder auch den Topos des eigentlich anständigen, etwas rauhen Gesellen, den die Presse zum Gangster stempelt, obwohl er doch nur seine eigenen Wertvorstellungen leben möchte. Und das mit Gleichgesinnten in einer innigen Männer-Gemeinschaft. Welche Werte das sind, machte der in dem JW-Artikel erwähnte Frank Hanebuth in einem BILD-Interview Anfang Juni deutlich: “Es gilt: Ein Mann, ein Wort. Wir stehen zu konservativen Werten, Ehrlichkeit, Treue, die Frau des anderen wird respektiert.”. Man muss nicht einmal ins Detail des Rotlicht-Engagements der 1%er-Clubs gehen, um zu verstehen, dass der Respekt für Frauen sich fast ausschließlich in Verbindung mit Besitzverhältnissen manifestiert. Und man kann daraus zumindest erahnen, warum es in einigen Clubs – beileibe nicht nur bei den Hell Angels – eine ganze Reihe von Faschisten gibt, obwohl sich doch alle ständig von Nazis distanzieren. Leider hat die Jungle World der, nennen wir es einmal vorsichtig, romantisierenden Vorstellung derartiger Strukturen nichts Elementares hinzuzufügen. Schade. Vorschlag zur Güte: Der Autor macht einen Motorradführerschein, fährt zwei Jahre ein einigermaßen ansehnliches Zweirad, liest sich in der Zwischenzeit in das Thema ein, spricht mit echten Membern von echten MCs, kann uns danach den hier verwendeten Begriff der 1%er erklären und hat dann auch sein Soziologiestudium erfolgreich beendet. Wäre das was?

Mit “Triumph”alen Grüßen (Herr M.: das ist eine englische Motorradmarke…)

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Das Prinzip Sippenhaft

5. April 2012 Keine Kommentare

13.032 Personen sind als Sport-Gewalttäter registriert. Oft trifft es Unschuldige. Die Datensammelwut ist unverhältnismäßig und intransparent, kommentiert C. Spiller in der Zeit:

Fußballfans haben derzeit einen schlechten Ruf. Zu Unrecht, wie selbst Innenminister Hans-Peter Friedrich kürzlich feststellte. “99,9 Prozent der Fans sind friedlich. Das dürfen wir bei unseren Maßnahmen nicht aus den Augen verlieren, sie müssen angemessen, zumutbar und gerecht sein”, sagte er. Klingt vernünftig, nur halten sich die staatlichen Sicherheitsorgane nicht daran.

Eine zentrale Maßnahme gegen Fan-Gewalt, die Datei Gewalttäter Sport, widerspricht dem Minister in jedem Punkt. Sie ist unangemessen, unzumutbar und ungerecht.


13.032 Personen sind in der zentralen Verbunddatei gespeichert, erklärte die Bundesregierung am Dienstag. All diese Personen sollen vor, während und nach Fußballspielen durch Gewalt oder andere Delikte auffällig geworden sein. Das reicht von der Beleidigung bis zum Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz.

Die Zahl klingt dramatisch, ist sie aber nicht. Wer schaut, wie sie zustande kommt, erkennt warum: Es kann jeden Besucher eines Fußballspiels treffen. Es reicht, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Verdächtig ist schon, wer sich nur in der Nähe eines begangenen Deliktes aufhält. Wer in einem Block steht, aus dem ein Böller geworfen wird oder in dem es eine Rangelei mit Ordnungskräften gibt, muss damit rechnen, seine Personalien angeben zu müssen und später in der Datei zu landen, auch wenn er mit dem Vorfall nichts zu tun hat. Es herrscht das Prinzip Sippenhaft.

Nun wäre es das Mindeste, dass solche Einträge gelöscht werden, wenn den Betroffenen keine Straftat nachgewiesen werden kann. Doch das passiert nicht. Die Daten können gespeichert bleiben, die Daten von Unschuldigen. Zudem wissen die Betroffenen oft nicht, dass ihre Daten überhaupt erhoben worden sind, legen deswegen keine Rechtsmittel dagegen ein. Einige bemerken gar nicht, dass sie auf der Liste stehen. Sie könnten es erst merken, wenn sie bei Verkehrskontrollen besonders ausführlich kontrolliert werden, sie an der Grenze zum Urlaubsland wieder heimgeschickt werden oder, im Extremfall, an ihrem Arbeitsplatz Besuch von einem Beamten erhalten, der sie darauf hinweist, sie mögen sich beim Fußballspiel am Wochenende doch benehmen. Gefährderansprache nennt man das.

Lorenz Caffier, seit Januar der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, plant nun sogar, Gesichtsscanner einzusetzen, um Erfassten den Zutritt ins Stadion zu verwehren. Sein Bundesland, Mecklenburg-Vorpommern, tüftelt an einer Machbarkeitsstudie. Ein Albtraum für Fans und Datenschützer.

Schon vor zwei Jahren geriet die Gewalttäter-Datei, die… hier weiterlesen

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“Heimat” ist eine zweifelhafte Kategorie,…

13. Februar 2012 Keine Kommentare

…weil ihr diffuses “Wir” meistens auf Kosten des Verstandes geht.

Es geht in der gleichen Tageszeitung, der SZ, eben auch manchmal klug zur Sache. Zumindest wenn der Autor Thomas Steinfeld heißt. Das Zitat stammt aus einer lesenswerten Reportage der Wochenendbeilage Mitte Februar über die Einwanderung chinesischer Textilarbeitskräfte nach Italien.

Wie eigentlich immer, wenn etwas von Belang veröffentlicht wird, ist der besagte Artikel auf der SZ-Webseite nicht zu finden und kann daher nicht verlinkt werden. Trotzdem sollte bezüglich der Süddeutschen Zeitung auch mal etwas Positives vermerkt werden…

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Mit alten Unterhosen gegen den Turbokapitalismus

25. Januar 2012 Keine Kommentare

Die Lektüre der Süddeutschen Zeitung ist nicht unbedingt an jedem Tag ein Vergnügen, insbesondere seitdem großzügig auf ein Lektorat verzichtet wird und damit so einiger gänzlich offensichtlicher Unsinn den Weg auf die Druckplatten findet. Wer der deutschen Sprache ein klein wenig mächtig ist, zuckt durchschnittlich auf jeder vierten Seite zusammen, jüngst erst bei der Überschrift Netanjahu droht Israel. Nein, selbst Peter Münch war zu dieser Headline nicht fähig, man hat schlicht Iran und Israel in einer Agenturmeldung verwechselt. Kann passieren und hat übrigens mal ganz wirklich nichts mit Antisemi- sondern nur mit Dilettantismus zu tun.

Aber darum soll es in der Hauptsache gar nicht gehen. Vielmehr ist am gleichen Tag die Seite 3 Stein des Anstoßes, der ins Rollen gebracht werden soll (natürlich kann die geneigte Leserin diesen Buchstabensample sofort der Xberg Dhirty6 Cru zuordnen): dass das kapitalistische Prinzip derzeit nicht völlig unumstritten ist, obwohl es immer noch alternativlos erscheint, hat sich bis in die Kinderzimmer der SZ-Praktikanten und –innen herum gesprochen. Eine Rebecca Casati schafft es, auf der traditionellen Hintergrundseite alle Irrungen, Wirrungen, ja kapitalistischen Unzumutbarkeiten unter der Überschrift Made in Germany zusammenzufassen und uns dennoch nicht gänzlich hoffnungslos zurückzulassen. Es geht um die in diesen schweren Zeiten fantastische Geschichte zweier fundamental unterschiedlicher Kerle, die in der Ära des „Turbokapitalismus“ (als etwas anderes kommt der Kapitalismus bei Rebecca nicht vor) etwas voll Verrücktes tun, nämlich die von den bösen Mächten der Globalisierung hinweggefegte schwäbische Textilherstellung wieder aufleben zu lassen. Da bleibt einem schier die Luft weg, zumal sich hier ein ganzer Wertewandel abzeichnet. Geiz war geil: Viele Jahre lag die Textilproduktion auf der Schwäbischen Alb unter der Globalisierung begraben. Zwei Männer schaffen mit der Manufaktur ‚Merz beim Schwanen’ einen Neuanfang. Eine Geschichte aus Deutschland.

In bester Uta-Danella-Manier beschreibt sie die beiden Unterhosenproduzenten. Der eine kommt aus Berlin, hat sich schon als Kind auf das Beste und Teuerste gestürzt (sagt zumindest seine Mutti) und ist bei einem Flohmarktbesuch auf irgendwelche alten Klamotten gestoßen. Die fand er so aufregend, dass er sie selbst produzieren wollte. Nicht mehr als irgendwelche Unterbüchsen natürlich, sondern als Lifestyle-Accessoires bei Manufaktum. Geschenkt. Er stößt auf irgendeinen spinnerten Schwaben, der Gefallen an alten Maschinen findet und eine Fabrik kauft, in der fortan Vintage- oder Industrial-Hemden hergestellt werden. So weit, so harmlos. Nun muss aber der „Made in Germany“-Slogan über dem Artikel irgendeinen Sinn machen, und da die Autorin nicht weiß, dass dieses Label zunächst als Warnung vor deutschen Produkten in England verwendet wurde, malt sie mithilfe blumiger Deutschland-wird-es-den-Turbokapitalisten-schon-zeigen-Prosa eine wirklich rührende Geschichte dieser beiden Gegner rationalisierter Produktionsprozesse. In einem Geschichtsforum entdeckt Rebecca, auf der Suche nach einer Erklärung, warum der ganze Kram auch noch gekauft wird und von wem, einen, wie sie es nennt: herrlich sonderbaren Menschen namens Dirk. Der fragt im Forum: ich besitze ein Adlerfahrrad aus dem Jahr 1937. Nun möchte ich mich passend zu dem Fahrrad kleiden… Wo könnte ich eventuell fündig werden?

Die einzig vernünftige Antwort auf ein derartiges Ansinnen ist natürlich der Verweis auf eine authentische Hakenkreuzbinde aus dem einschlägigen Versandhandel. Rebecca aber spürt diesem vermeintlich neuen Trend hinterher, indem sie das Ganze innerhalb einer Sehnsucht nach Sinn und Authentizität, nach Glaubwürdigkeit und Entschleunigung verortet. Und Recht hätte sie, würde sie nicht fortwährend diesen ganzen Wir-sind-die-besseren-Kapitalisten-Hokuspokus affirmieren. Die Dinge, die der Turbokapitalismus und die Global Players produzieren, können nun mal keine solchen Geschichten erzählen, zumindest keine, die man erträgt. Nun gut, von Marketing hat sie auch keine Ahnung, aber immerhin kümmert sich Rebecca im Folgenden ganz doll um die weltweiten Herstellungsprozesse im Textilbereich. Da gibt es nämlich ganz viel Ausbeutung und andere unschöne Dinge. RC folgert daraus: Solange es Billiglohnländer wie Bangladesch, Äthiopien oder Südkorea gibt, so lange wird es Ausbeutung und Unterdrückung geben. Zu dieser Behauptung respektive These müsste an dieser Stelle natürlich Stellung bezogen werden. Allerdings grübeln wir immer noch über den Sinn und vor allem über die notwendigen Konsequenzen. Sind unsere Truppen in Afghanistan eventuell mit den falschen Waffen am falschen Ort?

Gut, wir wollen uns wieder auf die berlin-baden-württembergische Textilproduktion konzentrieren. Wenden wir uns einmal Rudi, dem Schwaben zu. Oder gleich, wie Casati das tut, dem Schwaben an sich (nicht für sich). Für einen Schwaben, behauptet Casati sichtlich beeindruckt, ist Untätigkeit eine Art Diaspora, sie ist absolut unerträglich. Helfen bei einer derartigen Weltsicht lebende Gegenbeweise? Wahrscheinlich nicht, also Schwamm drüber. Rudi Loder hat übrigens eine Zeit lang Textilmanufakturen in den besagten Billiglohnländern aufgebaut, um Aldi und Lidl zu beliefern. Allerdings wurde er damit für Rebecca keinesfalls zum moralisch zu verurteilenden Expropriateur, im Gegenteil: Wenn Loder davon erzählt, wirkt er wie einer, der in den Schlund eines Monsters geblickt hat. Das wird schon aus biologischen Gründen nicht sein eigener gewesen sein.

Was eint die beiden so ungleichen deutschen Vorzeigeunternehmer, die das Ganze im Übrigen auch noch jenseits jeglichen Gewinnstrebens eher als Hobby betreiben? Beide haben deutsches Handwerk in der DNA sagt Casati über ihre zwei Lieblingsentrepreneure. Nun ist Rebecca nicht T. Sarrazin, sie weiß, so wollen wir ihr unterstellen, dass das schlechterdings biologisch ebenfalls nicht möglich ist. Metaphorisch natürlich schon, denn ihr geht es um der beiden Väter, die nach dem Krieg das Land wieder aufgebaut haben.

Wer an dieser Stelle dem Brechreiz standhält, kommt in den Genuss einer eindrucksvollen Schilderung des ersten Treffens der beiden Feinripp-Sacco-und-Vanzettis. Nach einem ersten Treffen wurden gleich mal nicht viel Worte gemacht, es wurden keine Konzepte geschrieben und keine Umsatzprognosen verfasst. Die beiden vertrauten einander instinktiv und kamen schnell überein, die Arbeiterwäsche wieder herzustellen,… So schön und unkompliziert kann der Kapitalismus sein, sofern man mal das Einmaleins der Betriebswirtschaft außen vor lässt und die Dinge um ihrer selbst Willen tut. Wenn das mal keine urdeutschen Tugenden sind.

Rebecca ist übrigens mit Frank, seines Zeichens Herausgeber der FAZ, verheiratet. Gerüchterweise wollte sie das Rührstück ursprünglich dort publizieren. Ihr Ehemann grübelt allerdings seit geraumer Zeit darüber nach, ob die Linke, was immer er sich darunter vorstellt, nicht doch Recht hat und lehnte in einem Anfall häuslicher Streitsucht ihr Ansinnen ab.

Die Poesie der Auslassung

15. September 2011 Keine Kommentare

Peter Münch, der große Lyriker in Diensten der Süddeutschen Zeitung, hat, wie er es im Moment fast täglich tun darf, die Situation im Nahen Osten “analysiert”. Seinen eindrücklichen Beschreibungen der Lebensrealitäten vor Ort mangelt es niemals an Empathie für die “unterdrückten Palästinenser”, er ist schließlich in Tel Aviv stationiert und weiß somit, wovon er spricht und schreibt. Bei ihm ist die Gaza-Flottille noch ein aufrechter Versuch, den geschundenen, Hamas wählenden und Israel von der Landkarte fantasierenden Bewohnern des Küstenstreifens beizustehen, weshalb er bei dem Begriff “Hilfskonvoi” auch ohne Anführungszeichen auskommt. Münchs Stärke liegt bei der gesamten Thematik, die ja eine recht komplexe sein kann, in der Kunst der Auslassung, in der Reduktion auf jene Teile seiner Wirklichkeit, die der durchschnittliche SZ-Leser zu goutieren weiß.

Während die Palästinensische Führung, zumindest mal die Hälfte davon, die staatliche Anerkennung in der UN vorantreibt, ruft die Fatah zu einem “Tag des nationalen Kampfes” auf. Münch darf und/oder muss darüber berichten und schon im Subtitel wird unmissverständlich klar gemacht, wer hier eigentlich wen bedroht: “Die Palästinenser im Westjordanland kündigen gewaltfreie Demonstrationen an, die israelischen Siedler rüsten sich mit Tränengas und Waffen”. Soweit, so Münch-typisch, und der Vorteil dieser “Berichterstattung” ist dann natürlich, dass man den folgenden Artikel gar nicht zu lesen braucht, um sich mental auf die richtige Seite zu schlagen oder wahlweise an den Kopf zu fassen. Liest man den Bodytext dennoch, erlebt man ein Rührstück à la Tel-Aviv-Peter: Wir lernen Issa Amro kennen, einen aufrechten Aktivisten und Organisator des “gewaltlosen Widerstands” in Hebron, der seines Zeichens aber auch ein ganz klein wenig Angst hat, dass das Ganze nicht so friedlich bleibt, wie das ganze Westjordanland und der Korrespondent der SZ es herbeiwünschen. Immerhin mobilisiert Israel ganze Reservisten-Bataillone und die Siedler… siehe Subtitel. Wenn es bei Pistol-Peter um mögliche Angriffe auf nahegelegene jüdische Siedlungen geht, wird es dagegen wohlig unbestimmt: sie “könnten sehr leicht in den Mittelpunkt der Proteste geraten”, einer Naturkatastrophe gleich. Oder weniger dramatisch: wie Ebbe und Flut. Keine Subjekte mehr, die Dinge initiieren, tun, bewusst in Angriff nehmen (im wahrsten Sinne des Wortes), nur noch Dinge, die geschehen. PM vergisst an dieser Stelle natürlich auch nicht zu erwähnen, dass die nächste und größte Siedlung, Kirjat Arba, international angeblich als illegal gilt und liefert somit schon im Vorfeld die Begründung für folgerichtige palästinensische Aktionen am nationalen Kampftag.

Weil die SZ aber wohl eine feine Trennlinie zwischen lediglich tendenziös und völlig durchgeknallt vorgibt, greift der ergriffene Nahost-Poet Münch in seine Trickkiste und zaubert “gewaltbereite Kräfte auf beiden Seiten” aus dem Hut. Puuuh, so ist man wenigstens davor gefeit, wieder mit der “Antisemitismuskeule” traktiert zu werden.

“…und in diesem Sommer hatten bereits zwei Demonstrationen an Israels nördlichen Grenzen in einem Blutbad geendet” schreibt Münch dann kurz vor Ende seiner Reihung von Issa “the peace loving activist” Amro-Zitaten, die doch eigentlich nur seine eigenen Wünsche spiegeln. Natürlich vergisst er, bei seinem Hinweis auf die beiden “Blutbäder” den Kontext der versuchten Grenzerstürmung zu erwähnen. Man muss ja auch nicht alles auf einmal erzählen. Insofern kann man sich auf die nächsten Münchiaden freuen, sie kommen mit Sicherheit…

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Die Logik des Krawalls

14. August 2011 Keine Kommentare

Warum schlagen Leute Schaufensterscheiben ein, sind an keinem guten Verhältnis zu Polizei und Staatsgewalt interessiert und können auf Nachfrage keine zitierfähigen Forderungen nennen? Wenigstens die Frankfurter Allgemeine am Sonntag hat einige einigermaßen vernünftige Anmerkungen zu den Vorgängen in England parat:

FAS:
Wo liegen die Ursachen der Randale in Großbritannien? Das britische Bildungsbürgertum spricht den Aufrührern alles Politische ab. Tatsächlich rufen die Randalierer in London keine politischen Parolen. Also alles nur Lust am Chaos?

Wenn es in den Weltmetropolen wieder mal knallt, wenn Scheiben splittern und Autos brennen, dann fragt der interessierte Teil der Menschheit nach den Ursachen für die Krawalle. In England ist die Diagnose bereits gestellt: Der Aufruhr sei schlichtweg das Resultat moralischer Verkommenheit, so ist es von rechts nach links quer durch das britische Bildungsbürgertum zu hören, das den Aufrührern alles Politische abspricht. Menschen, die das eigene Viertel abfackeln, statt die Vorgärten der Reichen umzupflügen. Pöbel, der Tante-Emma-Läden stürmt statt die Banken des Großkapitals. Plünderer, die sich im Rauch der Supermarkt-Ruine den Einkaufswagen vollpacken, anstatt im Pullunder politische Parolen vor das Parlament zu tragen, so wie sich das gehört: das sei das Gesicht des Nihilismus.

Nichts, aber auch gar nichts an den Randalen sei dem Umstand geschuldet, dass Britannien, eine Nation im Defizit, jüngst die schärfsten Haushaltskürzungen in seiner Geschichte beschlossen hat und einem Zeitalter der Austerität entgegenblickt. Kistenweise haben die Plünderer aus den eingeschlagenen Apothekenfenstern Durchfallpillen getragen, weil sie Imodium nicht von Amphetaminen unterscheiden konnten. Mangels Betroffenheit könne es diesen Leuten also kaum um die Verdreifachung der Studiengebühren gehen, höhnt es nun. Nicht Verelendung, sondern Lust am Chaos führe in Hackney und Croydon Regie.

Diese Logik ist seltsam. Wer die Ursachen von politisch motivierten Krawallen studiert, stellt fest: Wer mit Steinen wirft, muss zuvor nicht Brecht gelesen haben. Ob sich Menschen gewaltsam gegen den Staat auflehnen oder nicht, entscheiden zunächst allein zwei Faktoren: Das Risiko, verhaftet zu werden. Das ist in Städten wie London geringer als etwa auf dem Lande. Sekundenschnelle Kommunikation per Handy und Facebook vereinfacht die Zusammenrottung, was in England die Randale begünstigt hat. Die andere Triebfeder von Aufständen, hat der Harvard-Ökonom Ed Glaeser herausgefunden, ist Arbeitslosigkeit – dann ist die Gefahr, durch den zeitraubenden und riskanten Aufruhr Job und Gehalt zu verlieren, nicht gegeben. In England ist jeder fünfte Jugendliche arbeitslos.

Das Gesicht von Perspektivlosigkeit

Dass für deren Gewaltausbruch das Extremsparen der Regierung nicht die Ursache gewesen sei, wäre die empirische Ausnahme. Der Wirtschaftshistoriker Hans-Joachim Voth hat soziale Unruhen der vergangenen 90 Jahre in Europa untersucht. Ergebnis: Wenn der Staat seine Ausgaben um einen Prozentpunkt kürzt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Demonstrationen, Aufständen und revolutionären Umstürzen kommt, um das Eineinhalbfache.

Dass die “Chavs” in Hackney, die ungebildeten Jugendlichen in Jogginghosen, nicht von höheren Studiengebühren betroffen sind, weil sie nicht studieren, ist dabei unerheblich. Aufrührer müssen nicht zugleich Opfer sein. Vielmehr dürfte es sich um das Gefühl der Ungerechtigkeit einer immer undurchlässigeren Gesellschaft handeln, das der explosiven Stimmung den Boden bereitet: der Eindruck, abgehängt zu sein. Knallt es aus irgendeinem Grund, liefert das Sparprogramm der Regierung den Zündstoff, der auch das Nachbarhaus in Brand steckt. Das eigene Lebensumfeld zerstören wie in Hackney – das ist kein Nihilismus, das ist das Gesicht von Perspektivlosigkeit.

Die Abgehängten rufen keine politischen Parolen, tragen keine Transparente – was sollten sie darauf auch fordern? Zum bestehenden System, das ist seit 20 Jahren klar, gibt es keine Alternative, die eine Chance hat, verwirklicht zu werden. Auch die Finanzkrise hat daran nichts geändert, das hat mittlerweile auch der Dümmste begriffen – und reißt im Laden den Plasmafernseher von der Wand.

Sich holen, was zu kriegen ist. Das ist die Logik dieses Krawalls.

“If you turned Hell upside down you would find “Made in Germany” on the bottom!” Billy Sunday

15. April 2011 Keine Kommentare
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Erdbeben im Nahen Osten

2. Februar 2011 Keine Kommentare

Ist die Freiheit für die Bevölkerungen des Nahen Ostens außer Reichweite? Sind Millionen von Männern, Frauen und Kindern von der Geschichte dazu verdammt, in der Despotie zu leben? Werden sie nie die Freiheit kennen lernen und in dieser Hinsicht nie auch nur eine Wahl haben? [...] 60 Jahre lang hat der Westen den Mangel an Freiheit im Nahen Osten gerechtfertigt, ohne dass es ihm Sicherheit gebracht hätte – denn auf Dauer kann Stabilität nicht zulasten der Freiheit erkauft werden. Solange der Nahe Osten ein Ort bleibt, an dem Freiheit nicht gedeiht, wird er auch ein Ort bleiben, der Stagnation, Ressentiments und Gewalt beherbergt und exportiert. (George W. Bush in einer Rede aus Anlass des zwanzigjährigen Bestehens der National Endowment for Democracy, 6. November 2003)

Der Nahe Osten erlebt gerade ein politisches Erdbeben sondergleichen, und die Potentaten zittern wie Espenlaub. Das haben sie schon getan, als es im Sommer 2009 den Aufstand im Iran gab; nun ist Ben-Ali in Tunesien weg, Mubarak in Ägypten wankt, Abdullah hat in Jordanien soeben die Regierung entlassen, im Jemen und im Sudan wird demonstriert, im Gazastreifen unterbindet die Hamas gewaltsam jegliche Solidarisierung mit den ägyptischen Demonstranten, die Palästinensische Autonomiebehördedenkt über Wahlen auf lokaler Ebene nach, und in Syrien zieht Assad schon mal präventiv Schlägertrupps der Hizbollah an der Grenze zusammen, weil er ahnt, was kommen wird. Das Regime in Teheran lässt zwar offiziell verlautbaren, die Demonstrationen in Ägypten als Schritt zu einem „islamischeren Nahen Osten“ zu begrüßen; dass es in Wahrheitjedoch fürchtet, auch im Iran könnten sich erneut Massenproteste regen, zeigt sich schon daran, dass es den Internetzugang stark eingeschränkt hat – um die Verfolgung der Geschehnisse in Kairo, Alexandria und Suez zu erschweren.

Es ist der so mutige wie entschlossene Ruf nach Freiheit und einem besseren Leben, der in allen diesen Ländern die (unterschiedlich starken) Erhebungen gegen die jeweiligen Autokraten dominiert. Antiisraelische und antiamerikanische Parolen und Transparente sind zwar ebenfalls gegenwärtig, etwa in Ägypten, aber allem Anschein nach randständig – bislang zumindest. Das Gleiche gilt für die Forderung, islamische Gottesstaaten einzurichten. Genau das ist es, was so viele „Nahostexperten“ und Islamwissenschaftler in Erklärungsnot bringt, denn diese konnten sich die so ermüdend oft beschworene „arabische Straße“kaum je anders vorstellen denn als Ansammlung zorniger Männer mit Vollbärten und Kopfwindel, die israelische und amerikanische Fahnen verbrennen und „Allah ist größer“ rufen – weil das nun mal ihrer „Kultur“ entspreche, die es zu respektieren gelte. Um ihre offenkundige Blamage in Grenzen zu halten, tun diese Bescheidwisser nun so, als hätten sie nie etwas anderes befürwortet als Demokratisierungsprozesse im Nahen Osten, die jedoch leider insbesondere von den USA und Israel beständig sabotiert worden seien.

Hannah Arendt schrieb bereits 1963: „Es ist ein Zeichen echter Revolutionen, dass sie in ihren Anfangsstadien leicht und verhältnismäßig blutlos verlaufen, dass ihnen die Macht gleichsam in den Schoß fällt, und der Grund hierfür liegt darin, dass sie überhaupt nur möglich sind, wo die Macht auf der Straße liegt und die Autorität des bestehenden Regimes hoffnungslos diskreditiert ist. Revolutionen sind die Folge des politischen Niedergangs eines Staatswesens, sie sind niemals dessen Ursache.“ Die Aufstände und Demonstrationen in nicht eben geringen Teilen des Nahen Ostens sind bereits die Konsequenz aus einem solchen Niedergang der Autokratien, Despotien und Diktaturen. Die entscheidende Frage ist nun, wer die Macht übernimmt. In diesem Zusammenhang werden zurzeit die Geschehnisse häufig mit den Umwälzungen des Jahres 1989 in Osteuropa verglichen. Im Falle Ägyptens kommt allerdings noch ein ganz anderer Vergleich hinzu – mit dem Jahr 1979 nämlich, als im Iran zunächst der Schah gestürzt wurde, bevor schließlich die Mullahs ihr grausames Regime etablierten.

Tatsächlich scheint die letztgenannte Analogie nahe zu liegen, wie beispielsweise Barry Rubin, Direktor des im israelischen Herzliya ansässigen Global Research in International Affairs Centerdeutlich machte: „Die iranische Revolution dauerte fast ein Jahr lang, wobei die Islamisten erst nach fünf oder sechs Monaten auftauchten. Viele Experten prophezeiten damals, dass moderate Demokraten künftig die Geschicke des Landes lenken würden und die Machtübernahme durch ein islamistisches Regime undenkbar sei. Doch bekanntlich trat das Gegenteil ein“ – und der große Terror wurde entfesselt. Auch in Ägypten hält sich die islamistische Muslimbruderschaft – die einzig relevante organisierte Oppositionskraft – bei den Protesten bislang merklich zurück, zuvorderst aus taktischen Gründen. In Mohammed El-Baradei – der als Chef der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEA) alles tat, um die Gefahr eines nuklear bewaffneten Iran herunterzuspielen – verfügt sie jedoch über einen prominenten Fürsprecher und Bündnispartner, der nur zu gerne ägyptischer Regierungschef werden würde.

Der moderne Berufsrevolutionär, auch das ergibt sich aus Hannah Arendts Ausführungen, tritt erst so richtig auf den Plan, wenn die Macht ihm nachgerade zufliegt. Und so ist es für die Muslimbrüder kein größeres Problem, noch ein wenig zu warten – sowie in Interviews bisweilen sogar Kreide zu fressen und etwas von Demokratie und Menschenrechten zu erzählen –, zumal eine zu große Präsenz auf den Demonstrationen Mubaraks Sicherheitsapparat den idealen Anlass liefern würde, die Schraube der Repression deutlich anzuziehen. Aus der Sicht der Gotteskrieger entwickeln sich die Dinge gerade in ihrem Sinne, und ein Blick auf eine Umfrage des renommierten Washingtoner Pew Research Center vom Dezember 2010 zeigt, dass ihre Sehnsüchte durchaus eine solide Basis haben könnten: Demnach sympathisieren immerhin 20 Prozent der ägyptischen Muslime mit Al-Qaida, 30 Prozent mit der Hizbollah und 49 Prozent mit der Hamas. 77 Prozent befürworten das Handabhacken bei Diebstahl und Raub, 82 Prozent die Steinigung bei Ehebruch und 84 Prozent die Todesstrafe bei einer Abkehr vom Islam. Gemessen daran – und eingedenk eines in Ägypten überaus verbreiteten Antisemitismus – ist es erst recht bemerkenswert, wie wenig dezidiert pro-islamische sowie antiisraelische und antiamerikanische Inhalte bisher die Proteste geprägt haben.

Sollte die antisemitische Muslimbruderschaft tatsächlich zur Macht gelangen, etwa mithilfe ihres Steigbügelhalters El-Baradei, wäre dies nicht nur für die Ägypter – die dadurch vom autokratischen Regen in die islamistische Traufe kämen – eine Katastrophe, sondern für den gesamten Nahen Osten und insbesondere für Israel. Der ägyptische Präsident Husni Mubarak war stets für alle israelischen Regierungen – trotz oftmals öffentlich geäußerter Feindseligkeiten – ein einigermaßen verlässlicher Partner, der dem jüdischen Staat selbst in Kriegszeiten etliche von dessen ärgsten Feinden vom Hals gehalten und den Ambitionen des Iran die Stirn geboten hat. Mubaraks Vorgänger Sadat war 1981 von Islamisten ermordet worden, weil er es gewagt hatte, einen Friedensvertrag mit Israel auszuhandeln und zu unterzeichnen. Dieses Abkommen hatte zwar nie mehr als das zur Folge, was mit dem hässlichen Begriff „kalter Frieden“ zutreffend umschrieben ist, aber Mubarak hat es eingehalten. Und wenn man weiß, dass es Israel – der nur allzu realistischen Einschätzung folgend, dass ein echter Frieden mit seinen Nachbarn auf absehbare Zeit unerreichbar ist – in erster Linie um die Sicherheit seiner Bürger zu tun ist und sein muss, versteht man auch gut, warum es sich an diesen außenpolitisch halbwegs berechenbaren Potentaten hielt und hält. Realpolitik ist oft hässlich – den jüdischen Staat aber gäbe es längst nicht mehr, hätte er sich wohlklingenden Ideen und den Ratschlägen vermeintlicher Freunde unterworfen.

Der deutsch-ägyptische Schriftsteller Hamed Abdel-Samad, der zurzeit in Kairo weilt und dort an den Protesten gegen Mubarak teilnimmt, hat sich in einem Interview der Zeitschrift Cicero sehr optimistisch geäußert, was die Zukunft Ägyptens und des Nahen Ostens insgesamt betrifft. Die Muslimbrüder seien auf den Demonstrationen in der Minderheit und würden „von allen Bürgern sofort zurechtgewiesen, wenn sie ihre Parolen rufen“. Es gebe mittlerweile „eine neue Generation, die überhaupt nichts mit den Islamisten zu tun haben möchte“, sondern nach „Veränderung, Demokratie, Freiheit und Wohlstand“ strebe. Zudem wäre, so Abdel-Samad weiter, „eine neue, demokratische Regierung in Ägypten für Israel viel sicherer als Mubaraks Unterdrücker-Regierung“, weshalb er Israel dazu rate, „mit uns Ägyptern zu flirten. Es wäre eine tolle Geste, wenn Israel als demokratischer Staat der ägyptischen Demokratiebewegung die Hand reichen würde.“ Schließlich seien „die Aufstände in Tunesien und Ägypten die Todesurkunde für alle diktatorischen Systeme Arabiens“.

Ein nahöstliches 1989 also und kein zweites 1979? Nichts wäre grandioser, als wenn Abdel-Samad Recht behielte.

http://lizaswelt.net/2011/02/02/erdbeben-im-nahen-osten/

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Korrekturen am „Hinterland“

6. Januar 2011 Keine Kommentare

Das „Hinterland-Magazin“ des bayrischen Flüchtlingsrates hat die jüngste Ausgabe Afrika gewidmet. Dabei liest man manche interessante Meinung und leider auch einigen Unfug.
So wird im Artikel „Panafrikanismus reloaded“ vom „Arbeitskreis Panafrikanismus München“ eine Neuauflage des Panafrikanismus vorgeschlagen, die im Prinzip die gleiche Leier des dagewesenen auflegt und nicht ohne alte Helden auskommt. Da wird das Loblied auf Kwame Nkrumah gesungen, der einst Ghana in die Unabhängigkeit geführt habe. Wie groß Nkrumahs Verdienst daran tatsächlich war, ist umstritten. Dass er das Land Goldküste nach dem alten Königreich Gana benannte war schon Ausdruck einer Großmannssucht, die sich im späteren Verlauf seiner Herrschaft ausprägte. Im Rahmen der „Unification“, das Hauptargument aller späteren afrikanischen Diktatoren, wurden Gewerkschaften aufgelöst und Jugendorganisationen zu staatstreuen Spitzelsystemen umfunktioniert. In der „Hinterland“ wird dies einfach verschwiegen:

„Nkrumah war ein unermüdlicher Streiter für die Befreiung des ganzen afrikanischen Kontinents von geistiger Sklaverei, politischer Fremdherrschaft und wirtschaftlicher Ausbeutung. Durch seine Bemühungen wurde die Organisation für Afrikanische Einheit (OAU, heute AU) gegründet. Nach Meinung Nkrumahs ist die wirtschaftliche Unabhängigkeit nur durch die Einheit aller afrikanischen Länder möglich. Auf dem Gründungstreffen der OAU 1963 sagte er: „Die afrikanische Einheit ist in erster Linie ein politisches Königreich, welches nur durch politische Instrumente erreicht werden kann. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung Afrikas wird ausschließlich innerhalb dieses Königreichs stattfinden und nicht andersherum.“

Wie ein solches Königreich funktioniert wurde spätestens 2009 in Ghana noch einmal demonstriert: Von einigen finanziell hörig gemachten Chiefs und Königen wurde Muama Gaddafi, der Diktator Libyens, zum „König von Afrika“ gekrönt. (1, 2) Die demokratische Mehrheit Ghanas wählte indessen den westlichen Antagonisten zum Popstar, Sexsymbol und virtuellen Präsidenten Afrikas: Barak Obama.

Die Parole „Africa Unite“ ist eine der Eliten und Afroromantiker. Der Mehrheit auf der Straße sind bereits die Nachbarregionen suspekt oder unbekannt, manche halten ihren Landstrich für ganz Afrika und Europa für ein Nachbarland. Sie wissen zudem genau, was sie von einer Regierung eines geeinten Afrika zu erwarten hätten: noch mehr Korruption. Auf den beliebten Kongressen werden vor allem „Wir“-Formeln gewälzt und autoritäre Charaktere durchdekliniert. Von einer Emanzipation der Individuen liest man wenig, es geht um „our culture“ und „Tradition“. Diese Parolen dichteten Afrika immer dort ab, wo es am reaktionärsten war und am lautesten hört man sie von jenen, die am meisten von der Ablenkung eines Klassebewusstseins hin zu einem nationalistischen panafrikanistischen Antiimperialismus und traditionalistischen Bauchpinseln und Zeremonienhubern profitieren. Ein wirklich fortschrittliches Afrika wird nicht geeint sein, sondern ein diversifiziertes, in dem Verschiedenheit ohne Angst möglich sein wird. Und dafür wiederum gibt es doch in nicht wenigen Staaten Afrikas starke Hoffnungen.

Ein anderer Artikel mit dem Titel „Arm, krank, abhängig“ täuscht ebenfalls über Realitäten hinweg. Richtig wird noch darauf verwiesen, dass Afrika nicht arm sei, sondern „verarmt“. Zu gut bekannt ist Nigerias Absturz von einer der größten Ökonomien der Welt zu einer pauperisierten Brutstätte von Gewalt und Korruption. Leider folgt die übliche Verschwörungstheorie:

„Die Massenmedien berichten nicht, worum es in vielen Konflikten wirklich geht, weil das die westliche Gesellschaft moralisch erschüttern würde. Es wird Krieg geführt, damit die Industrie weiter produzieren kann, damit die Waffen weiter verkauft werden, damit ihre Bevölkerung zur Arbeit gehen kann, damit ihre Bevölkerung zufrieden bleibt. So verhindert man Unruhe bei sich, damit man weiter regieren kann, oder um im kleinen Kreis, zum Beispiel der G8, die Welt weiter zu regieren. Es wird kaum berichtet, dass es im Kongo Kindersoldaten und -soldatinnen geben muss, damit die Kinder hier Handys tragen können. Die Hutu und Tutsi haben nicht ohne Grund gegeneinander gekämpft, aber es wird nicht über die Mitverantwortung der Regierungen in Deutschland, Frankreich, Belgien und der UNO geredet.“

Ein solcher Jargon macht noch jede afrikanische Gräueltat zum Agenten westlicher Interessen. Das entmündigt Afrikaner auf eine perfide Art und Weise: die Intelligenz und Kreativität, die für jene bösen Taten nötig ist, wird ihnen abgesprochen und den verschwörerischen Weißen zugeschlagen, die naive Afrikaner zu solchen entsetzlichen Taten regelrecht ausbilden müssten. Dieses naivisierte Bild Afrikas ist nicht weniger rassistisch als das jenes, das die Konflikte dort auf die Hautfarbe zurückführt: es blendet die Fähigkeit zur extremen Aggression aus, entmenschlicht Afrikaner zu passiven, Befehlsempfängern westlicher Verschwörungszentralen. Kein Kind „muss“ zum Kindersoldat werden, damit „die Kinder hier Handys“ haben. Abgesehen davon hat virtuell jeder Afrikaner und auch viele ihrer Kinder ein Mobiltelefon. Der Rohstoffreichtum bedeutet eben nicht Afrikas Fluch, weil die westlichen Demokratien ihr perfides Spiel damit treiben würden (was sie sicherlich auch taten und tun in ihrer Kollaboration mit afrikanischen Diktatoren), sondern weil Rohstoffe ohne angeschlossene Industrie eine starke Verteilungstendenz bedingen und staatliche Strukturen sowohl stärken als auch korrumpieren und dies erst recht, wenn die Einheits- und Harmonieideologie so stark ist wie in Afrika. Leider ist mit der Parole des Informationszeitalters und dem gleichzeitigen Fokus auf Rohstoffe wie Erdöl außer Acht geraten, was Marx und andere als wesentliche Grundlage für die Wertschöpfung herausstellen: Die Hinzufügung menschlicher Arbeitskraft zu Rohstoffen. Und die funktioniert gerade im Informationszeitalter über Industrien. Das immerhin hatte Nkrumah noch verstanden.

weiteres interessantes Material und gleichzeitig die Quelle dieses Textes:
nichtidentisches

Böse Menschen haben keine Lieder…

4. Dezember 2010 Keine Kommentare